Z51.83G – Forum Substitutionspraxis Ausgabe 9

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Z51.83G – Forum Substitutionspraxis

Monatsrundbrief             Ausgabe 9, 11. Oktober 2017

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
 
seit Montag voriger Woche gilt ein neues Substitutionsrecht. 25 Jahre nach Legalisierung der medikamentengestützten Behandlung Opioidabhängiger hat eine große Koalition der Vernunft erreicht, dass Substitutionsärztinnen und –ärzte nicht länger mit einem Bein im Gefängnis stehen.
Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU), zeigte sich zufrieden: „Die Ärzteschaft hat hierbei wirklich gute Arbeit geleistet. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir mit dieser Reform mehr Ärzte für die Substitutionsbehandlung gewinnen werden und einen spürbaren Beitrag leisten, die Versorgungslücken gerade auch auf dem Land zu schließen. Die Neuerungen werden vielen Menschen den Weg in ein selbstbestimmtes Leben erleichtern. Das alles ist wichtig, denn Substitution kann Leben retten.“
Die Bundesärztekammer (BÄK) erkennt in der Reform „bessere Therapiemöglichkeiten und mehr Rechtssicherheit für Ärzte“. Den Patienten könne nun ärztlicherseits noch besser geholfen werden, ihr Leben zu ordnen, nicht mehr straffällig zu werden und einen Weg zurück ins Arbeitsleben zu finden, heißt es in der Presseerklärung der BÄK vom 29.09.2017.
http://www.forum-substitutionspraxis.de/richt-und-leitlinien/national/6632-bessere-therapiemoeglichkeiten-und-mehr-rechtssicherheit-fuer-aerzte-neue-substitutions-richtlinie-der-bundesaerztekammer-zur-behandlung-von-opioidabhaengigen-tritt-am-2-oktober-2017-in-kraft
 
Noch am selben Tag gab es eine böse Überraschung: Ohne vorherige Ankündigung hat die Bundesapothekerkammer (BAK) einen Vertrag für die Abgabe unter Sicht in Apotheken formuliert, der rechtlich fragwürdige Inhalte aufweist. So soll ab sofort die substituierende Ärzteschaft das pharmazeutische Personal für den Sichtbezug von Substitutionsmitteln fachlich einweisen und im Abschnitt 11 heißt es: „Die Apotheke erhält pro Vergabe eine Vergütung in Höhe von ___________ Euro zzgl. USt.“ 
Den Vorschlag der DGS – Deutsche Gesellschaft für Suchtmedizin, Apotheken bei Sichtabgabe eine Vergütung in Höhe der Vergabeziffer 01950 zukommen zu lassen, angelehnt an eine Regelung in Baden-Württemberg, hat die BAK offensichtlich falsch verstanden. Oder wollen BAK und Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) keine substituierten Opioidabhängige in den Pharmazien sehen?
ABDA: Leitlinien und Arbeitshilfen zur -> Opioidsubstitution
Arbeitshilfe: Vereinbarung zur Überlassung von Substitutionsmitteln zum unmittelbaren Verbrauch (Sichtbezug) im Rahmen der Opioidsubstitution in der Apotheke. (ABDA 2017)
http://www.forum-substitutionspraxis.de/richt-und-leitlinien/national/6523-abda-leitlinien-und-arbeitshilfen-zur-opioidsubstitution
 
Baden-Württemberg. Drogen-Substitution: 3,24 Euro für Sichtbezug
In Baden-Württemberg erhalten Apotheker künftig (seit 2013, Anm.) Geld, wenn sie Süchtige bei der Einnahme von Substitutionsmitteln überwachen. Eine entsprechende Vereinbarung haben der Landesapothekerverband (LAV) und die Krankenkassen in der vergangenen Woche getroffen. (pharmazeutische-zeitung.de, Ausgabe 39/2013)
http://www.forum-substitutionspraxis.de/versorgungspraxis/national/6666-baden-wuerttemberg-drogen-substitution-3-24-euro-fuer-sichtbezug
 
KBV: Bessere Vergütung für Substitutionsbehandlung (KBV, 06.07.2017)
http://www.forum-substitutionspraxis.de/ebm-und-substitutionsbehandlung/6640-bessere-verguetung-fuer-substitutionsbehandlung
 
Die Originaltexte der BtMV, der BÄK-Richtlinie, der Änderungen des EBM, eine Handreichung zum neuen Substitutionsrecht u.a.m. finden Sie bei forum-substitutionspraxis.de in den Rubriken Recht&Gesetz, Richt- und Leitlinien und EBM. Diese und alle anderen Rubriken werden laufend aktualisiert.

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Neu aufgeschaltet finden Sie ab Ende der Woche eine Rubrik „Stellenanzeigen“.
 
Kein Monat vergeht, in dem nicht irgendeine Lokalzeitung im Lande über den Notstand in der Substitutionsbehandlung vor Ort berichtet. So auch in Dillingen an der Donau:
Kampf gegen die Heroinsucht Mehr Drogentote - zu wenig Substitutionsärzte(...) Substitutionsarzt Johannes Ditz aus Dillingen ist aber bislang einer der wenigen, der bereit ist, Drogensüchtigen zu helfen. (Bayerischer Rundfunk, 02.10.2017)
http://www.forum-substitutionspraxis.de/versorgungspraxis/national/6600-dillingen-donau-kampf-gegen-die-heroinsucht-mehr-drogentote-zu-wenig-substitutionsaerzte
 
Düsseldorf. Erste Bilanz neun Monate nach Eröffnung der Diamorphin-AmbulanzNeun Monate nach Eröffnung der Diamorphin-Ambulanz in Düsseldorf zieht Christian Plattner eine erste Bilanz: „Methadon wird in Deutschland immer als Goldstandard verkauft. Das ist absoluter Schwachsinn. Es ist das, was am verbreitesten und am günstigsten ist“, sagt er. Man bekomme die Patienten damit aus der Illegalität raus und die Konsumform, die so extrem gesundheitsschädigend ist, falle somit auch weg. „Trotzdem haben diese Patienten immer wieder Beikonsum, immer wieder Heroin. Die Wirkung ist einfach nicht zu vergleichen“, sagt Plattner. „Heroin hat eine sehr vernünftige Wirkung bei psychischen Erkrankungen – wenn man es in der richtigen Weise konsumiert.“ (NRZ – 18.09.2017)
http://www.forum-substitutionspraxis.de/versorgungspraxis/national/6366-duesseldorf-christian-plattner-hilft-suchtkranken-mit-methadon
 
Urin, Speichel, Haare, Fingernägel oder Kapillarblut – was eignet sich am besten für die Untersuchung psycho-aktive Substanzen? Diese Veröffentlichung kommt zu dem Ergebnis: „Beikonsumkontrollen durch Speichelproben sind in der Routineversorgung zwar generell machbar, den Urinkontrollen jedoch unterlegen.“
Beigebrauchdetektion in der Substitutionstherapie - Speichelproben versus UrinscreeningStein J, Geraedts M.; Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz. 2017 Sep 19. doi: 10.1007/s00103-017-2630-x. Abstract
http://www.forum-substitutionspraxis.de/substitutionsmittel/verschiedenes/6603-beigebrauchdetektion-in-der-substitutionstherapie-speichelproben-versus-urinscreening
 
Pregabalin: Eine Veröffentlichung aus der Abteilung für Klinische Toxikologie & Giftnotruf München am Klinikum rechts der Isar beschäftigt sich mit dem Pregabalin-Missbrauch: „Von 2008 – 2015 wurden 263 Patienten mit Pregabalin-Missbrauch behandelt. Die Anzahl der Fälle pro Jahr stieg von 0 – 5 in den Jahren 2008 – 2011 auf 105 im Jahr 2015. 2008 gingen 3 Anrufe zu Pregabalin-Missbrauch im Giftnotruf ein, 2015 waren es 71. Schlussfolgerung: Der Missbrauch von Pregabalin steigt kontinuierlich an und stellt ein relevantes medizinisches Problem dar. Besonders suchterkrankte Patienten sind gefährdet.“
Alarmierender Pregabalin-Missbrauch: Prävalenz im Münchener Raum, Konsummuster und KomplikationenNicolas Zellner, Florian Eyer, Tobias Zellner; Dtsch med Wochenschr 2017; 142(19): e140-e147; DOI: 10.1055/s-0043-104228. Abstract
http://www.forum-substitutionspraxis.de/substanzen/gabapentinoide/6541-alarmierender-pregabalin-missbrauch-praevalenz-im-muenchener-raum-konsummuster-und-komplikationen-2
 
Ein Artikel in Drug Design, Development and Therapy beschäftigt sich mit neuen Trägersystemen für Buprenorphin: subkutane Depotinjektionen, transdermale Pflaster und subdermale Implantate. „These new delivery systems also offer new dosing opportunities for buprenorphine and strategies for dosing intervals in the treatment of OUD (Opioid use disorder, Anm.).“
Advances in the delivery of buprenorphine for opioid dependence.Rosenthal RN, Goradia VV.; Drug Des Devel Ther. 2017 Aug 28;11:2493-2505. doi: 10.2147/DDDT.S72543. eCollection 2017. Review.
http://www.forum-substitutionspraxis.de/substitutionsmittel/buprenorphin/6581-advances-in-the-delivery-of-buprenorphine-for-opioid-dependence
 
Interview mit Prof. Christoph Sarrazin, Chefarzt Medizinische Klinik II am St. Josefs-Hospital und Leiter des Leberzentrums Wiesbaden: Wandel in der Hepatitis-C-Therapie - Heute kann man Patienten ohne Leberschaden mit 8 Wochen Therapie heilen. (hepatitisandmore, 18.09.2017)
http://www.forum-substitutionspraxis.de/begleitkrankheiten/hepatitiden/6528-interview-mit-prof-christoph-sarrazin-wandel-in-der-hepatitis-c-therapie-heute-kann-man-patienten-ohne-leberschaden-mit-8-wochen-therapie-heilen
 
People who use drugs require prioritization, not exclusion, in HCV eliminationAn international conference bringing together hepatitis C experts from around the world is today calling for strategies to prioritise people who use drugs, saying hepatitis C elimination is impossible without them.
"The number of people around the world dying from hepatitis C is increasing. We have the tools to reverse this trend, to eliminate this disease and save millions of lives. But it will not happen until people who use drugs become a focus of our efforts," said Associate Professor Jason Grebely, President of the International Network of Hepatitis C in Substance Users (INHSU), the convenors of the conference. (INHSU, 06.09.2017)
http://www.forum-substitutionspraxis.de/begleitkrankheiten/hepatitiden/6437-people-who-use-drugs-require-prioritization-not-exclusion-in-hcv-elimination
 
Drug addiction stigma in the context of methadone maintenance therapy: an investigation into understudied sources of stigma.„Results demonstrate that methadone maintenance therapy patients experience prejudice, stereotypes, and discrimination from friends and family, coworkers and employers, healthcare workers, and others. Discussion highlights similarities and differences in stigma experienced from these sources.“
Earnshaw V, Smith L, Copenhaver M.; Int J Ment Health Addict. 2014;11(1):110–22.
http://www.forum-substitutionspraxis.de/stigma-menschenrechte/international/6212-drug-addiction-stigma-in-the-context-of-methadone-maintenance-therapy-an-investigation-into-understudied-sources-of-stigma
 
Methadon hat im Sprachgebrauch der Publikumspresse die Bedeutung „schlechter Ersatz“ gewonnen. Beispiele gefällig? „Methadone: the women's World Cup“ (Guardian, 06.07.2011). „Methadon-Programm aus Brüssel: "Griechenlands Politiker verhalten sich wie Junkies" (Focus online, 30.06.2015). Und Zippert zappt in der FAZ (14.08.2017): „Das Auto ist die Droge der Deutschen. Sie tun alles, um an sie ranzukommen. Ein Leben ohne ist unvorstellbar. Die Bahn als Methadon ist ein Witz. Der Kick fehlt, oder er kommt verspätet.“
Nun hat auch die Münchner Lokalredaktion der Süddeutschen Zeitung ganz tief in die Metaphernkiste gegriffen:
Oktoberfest-Ersatz: Methadon für Wiesnsüchtige (sueddeutsche.de, 04.10.2017)
http://www.forum-substitutionspraxis.de/verschiedenes/6663-muenchen-oktoberfest-ersatz-methadon-fuer-wiesnsuechtige
 
Die nächste Ausgabe von Z51.83G FORUM SUBSTITUTIONSPRAXIS erscheint am 8. November 2017.
Viel Spaß beim Lesen!
 
Hans-Günter Meyer-Thompson
- Redakteur -
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